Der „Stadteuro“ ist weg.

Der „Stadteuro“ ist weg. Und mit ihm ein Stück Kinderbetreuungssicherheit in Mühlheim.

In Mühlheim am Main ist gerade etwas passiert, das auf dem Papier nach „kleiner Haushaltsposition“ aussieht, in der Realität aber nach Betreuungschaos schmecken kann: Die Stadt streicht den sogenannten Stadteuro für Kindertagespflegepersonen (Tagesmütter/-väter). Laut Bericht wurde den Tagesmüttern im November aus dem Rathaus mitgeteilt, dass die Zahlung nicht weiterläuft; im Februar soll die Förderung auslaufen, weil die Mittel im Haushalt 2026 gestrichen wurden. 

Das ist nicht irgendein Bonus-Klingelgeld, sondern (in Mühlheim) bisher 1 Euro pro Stunde und betreutem Kind, eingeführt seit 2020. 

Und ja: Bürgermeister Dr. Alexander Krey ist die Stadtspitze.
Aber wichtig für die Trefferquote: In den öffentlich berichteten Begründungen steht vor allem der Kämmerer Robert Ahrnt (Grüne) im Fokus. Er rechtfertigte die Streichung im Haupt- und Finanzausschuss mit der Aussage, der Kreis habe die Zuschüsse zuletzt erhöht, daher könne der Stadteuro entfallen; Einsparung: knapp 140.000 Euro.

Warum diese Kürzung so brennt (und nicht nur in den Portemonnaies)

Kindertagespflege ist keine „Nischenbetreuung“. Sie ist ein Sicherheitsventil für Familien, gerade wenn Krippenplätze fehlen. Das sagt sogar die städtische Infoseite ziemlich klar: Kindertagespflege betreut Kinder von 9 Monaten bis 3 Jahre und ermöglicht vielen Eltern den frühen Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Wenn man dort jetzt die wirtschaftliche Grundlage anknabbert, drohen drei Domino-Steine: 1. Weniger Tagesmütter: Wer selbstständig arbeitet und steigende Kosten (Energie, Miete, Beiträge) hat, braucht Planbarkeit. Genau das schildern die Betroffenen im Bericht. 2. Weniger Plätze: Wenn Tagespflegepersonen aufgeben, verschwinden Plätze schneller, als eine Kita-Gruppe eröffnet wird. 3. Mehr Druck auf Kitas und Eltern: Die Folge ist nicht „Spareffekt“, sondern „Betreuungsstau“, mit echten Kosten für Familien und Arbeitgeber.

Und das Ganze passiert vor dem Hintergrund einer angespannten Haushaltslage: Mühlheim musste sich zuletzt mit Themen wie Kommunalaufsicht und Haushaltssicherung auseinandersetzen.

Das Killer-Argument „Der Kreis zahlt doch mehr“ ist zu kurz gesprungen

Ja, der Kreis Offenbach hat die Vergütung laut Bericht 2023 von 5 auf 7,20 Euro erhöht.  Aber daraus zu folgern „dann braucht’s keinen Stadteuro mehr“ ist, als würde man sagen: „Der Bus fährt jetzt einmal öfter, also können wir die Haltestelle abbauen.“

Denn der Stadteuro hatte für viele eine klare Funktion: Puffer in kinderlosen Zeiten, Unterstützung für Räume, laufende Kosten oder schlicht Stabilität in einem Job, der permanent zwischen Fürsorge und Selbstständigenrisiko balanciert. 

„Geld ist knapp“ – klar. Aber warum trifft’s ausgerechnet die, die Plätze schaffen?

140.000 Euro sparen klingt im Rathaus nach „vernünftig“. Für Tagesmütter klingt es nach: „Ihr seid verzichtbar.“ Genau diese Signalwirkung kritisieren die Betroffenen.  Und Signalwirkung ist in der Kinderbetreuung keine Nebensache: Wer heute abwertet, sucht morgen verzweifelt Personal.

Nebenbei: Die Stadt kommuniziert zugleich, dass sie Mittel für Investitionen aus Programmen und Sondervermögen erwartet bzw. erhalten hat (andere Töpfe, anderer Zweck, ja). Aber kommunikativ wirkt der Kontrast wie: „Für Beton gibt’s Hoffnung, für Betreuung gibt’s Kürzung.“ 

Wie man Tagesmüttern in Mühlheim jetzt konkret helfen kann

Hier sind Hebel, die realistisch sind, ohne Märchenstaub:

1) Stadteuro 2.0: smarter statt teurer

Wenn 1 €/Stunde politisch „zu viel“ ist, dann:
• Sockelbetrag pro aktivem Platz (planbarer als stundenbasiert)
• Ausfallfonds bei kurzfristigen Betreuungslücken (Puffer-Funktion bleibt)
• Miet-/Raumzuschuss für Großtagespflegen oder angemietete Räume

Das kostet oft weniger als ein pauschaler Stundenzuschlag, trifft aber genau die Schmerzstellen.

2) Transparenzpflicht: Lasst Zahlen statt Bauchgefühl entscheiden

Fordert öffentlich (und regelmäßig): • Wie viele Tagespflegepersonen gibt es aktuell? • Wie viele Plätze fallen durch die Streichung weg? • Wie viele U3-Anfragen bleiben unversorgt?

Kindertagespflege ist Teil der U3-Versorgung.  Wenn Plätze wegbröseln, muss das sichtbar sein.

3) Bürgerdruck, aber mit Aktenzeichen

Praktische Schritte für Eltern und Unterstützer: • In Sitzungen gehen (Haupt- und Finanzausschuss/Stadtverordnetenversammlung) und Fragen stellen. Die Stadt veröffentlicht Sitzungstermine.  • Sachliche Schreiben an Fraktionen: „Welche Alternative zum Stadteuro beschließen Sie bis Sommer 2026?“ • Stadtelternbeirat und Netzwerke nutzen, um das Thema zu bündeln. 

4) Hilfe aus der Stadtgesellschaft: schneller als jede Satzungsänderung

Wenn die Politik trödelt, kann die Stadtgesellschaft Tempo machen: • Spendentopf/Patenschaften (zweckgebunden für Fortbildung, Material, gesunde Ernährung, Ausstattung) • Rabattnetzwerk mit lokalen Betrieben (Energieberatung, Großhandel, Versicherungscheck, Steuerhilfe) • Räume teilen: Vereine/Kirchen/Träger stellen stundenweise geeignete Räume, um Mietdruck zu senken

5) Kommunalwahl als Scheinwerfer, nicht als Keule

Die Kommunalwahl in Hessen ist am 15. März 2026.  Das ist die perfekte Gelegenheit für Wahlprüfsteine zum Thema Betreuung, ohne platt zu werden:

Fragt alle Kandidierenden/Listen dieselben drei Fragen: 1. „Kommt der Stadteuro zurück oder kommt ein gleichwertiges Modell?“ 2. „Wie sichern Sie U3-Plätze kurzfristig, wenn Tagespflegepersonen aufhören?“ 3. „Welche Summe steht ab 2026/27 für Kindertagespflege im Haushalt?“

Wer bei Kinderbetreuung nur Wolken malt, sollte sich nicht wundern, wenn Eltern anfangen, Taschenrechner zu werfen.

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